"Es gibt eine Reihenfolge...
Geschichten geschehen, dann sind sie Geschichte.
Und manche Teile der Geschichte sind unfassbar, sie werden zu Sagen und Legenden.
Und aus den Legenden wiederum webt man Märchen." (Lucifer Morgenstern)
Es ist das Kreischen der Möwen, das schon Kilometer vorher verrät, wie nah die Küste bereits ist. Im eleganten Segelflug gleiten sie über deinen Kopf hinweg, als du dein Ross auf einer Anhöhe zum Stehen bringst und mit der Hand die Morgensonne abschirmst. Wahrlich, der Anblick ist eines Königs würdig! Säumten eben noch Wiesen deinen Weg, so kannst du nun in der Ferne schon die ersten Felder erkennen, die sich fleckig-braun durch die Landschaft ziehen, einem Flickenteppich gleich. Auch Wald erblickt dein Auge: Sein sattes Grün erstreckt sich über den gesamten linken Bereich deines Sichtfelds und nimmt damit einen Großteil des Gebiets für sich ein. Und dennoch ist es keins von beidem, das deine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Nein, vielmehr ist es die Ansammlung an Häusern, die nahe der steil abfallenden Küste hell in den Himmel ragen. Sie sind umringt von einer breiten, schützenden Mauer, die sich zur Meerseite hin öffnet, um dem Hafen mitsamt seinen Piers genug Raum zu lassen. Stolz recken sich die wenigen Türme der Stadt in den Himmel und verkünden schon von weitem, welchem Ort du dich gerade näherst: Vor dir liegt die Küstenstadt Eranya, die Handelsmetropole des Herzogtums Lyneros. Viel erzählt man sich über diese sagenumwobene Stadt. Einst war sie ein Ort des freien Handelns, doch schloss die dort ansässige Obrigkeit schließlich ein Abkommen mit dem derzeitigen Herzog, Léander von Rabenfels, welcher ihnen weitestgehende Unabhängigkeit zusicherte - im Tausch gegen politische und wirtschaftliche Loyalität. So verhalf die Stadt dem Herzogtum zu noch mehr Reichtum und Wohlstand - und wurde doch selbst zu einem Ort, um dessen wundersamen Charakter sich bald schon unglaubliche Geschichten rankten. Reisende kehrten zurück und berichteten von allerlei mystischen Gestalten, die sie noch nie zuvor gesehen hatten: Drachen, so sagten sie, bewohnten das Land und stünden im ständigen Konflikt mit den Bürgern der Stadt, unter denen nicht nur Menschen, sondern auch Wesen, wie man sie nur aus Sagen kennt, zu finden seien. Einzig der Glaube diene als Band in dieser heterogenen Gemeinschaft: Sechs Götter seien es, die ihre schützenden Hände über den Ort halten, auf dass es den Bürgern wohl ergehe. Wie viel wohl dran ist an den Legenden dieser Stadt? Mit einem Ruck weist du dein Ross an, sich wieder in Bewegung zu setzen. Du wirst es schon bald herausfinden - und wer weiß, vielleicht wird man sich irgendwann ja auch Geschichten über dich erzählen?